Auszug aus Entzweit

[...] Sie versammelten sich um den Tisch, an dem das Essen ausgegeben wurde. Heute schoss der Brei in tiefe Teller. In einer Porzellanschüssel lagen Brotscheiben, zur Selbstbedienung. Die Ränder der oberen Brote hatten bereits Farbe und Form verloren, weshalb sich niemand bediente. Alma griff zu, setzte sich an ihren Platz, faltete die Hände zum Gebet und beobachtete, wie das Brot im Püree versank. Das Mädchen neben ihr atmete schnell, so, als wäre sie aus der Eingangshalle in den obersten Stock gerannt. An ihrer Gesichtsfarbe konnte Alma erkennen, dass ihm übel war und sie hoffte, dass das Mädchen nicht würde erbrechen müssen. Alma hasste Erbrochenes, weil der Vorgang, der das Halbverdaute aus dem Inneren hervorholte, unkontrollierbar war. 

Und weil man stundenlang stank.

Alma stieß das Mädchen an, schüttelte den Kopf, als ließe sich durch Kopfschütteln Übelkeit vertreiben.

Alma aß.

Das Mädchen versuchte es.

Nach dem dritten Löffel hörte Alma Würgegeräusche. Sie sah, wie das Mädchen gegen das Püree kämpfte, bis es auf den Teller klatschte. Alma schluckte. Sie schluckte, würde es bald nicht mehr können, schielte zur wimmernden Tischnachbarin und zu Schwester Theofriedis, die sich am Ende des Speiseraumes in Stellung gebracht hatte. Eine weitere Portion Püree schoss über den Teller, auf Tisch, Tischtuch und Schürze.

Die Schwester setzte sich in Bewegung.

Farblich, dachte Alma, passte Püree gut zum Tischtuch. Besser als Rotkohl oder Spinat. Es würde in der Wäscherei keine Probleme machen.

Das Tischtuch würde wieder, wie es vorher war. Das würde wieder gut.

Die Schwester stand hinter der Weinenden.

„Was fällt dir ein?“

Die Mahlzeit, von Gott gegeben, ist zu achten.

„Hier wird aufgegessen!"

Die Teller sind zu leeren.

„Ist das in deinem Kopf immer noch nicht angekommen?“

Das ist zu ändern.

„Iss. Das. Auf."

Schwester Theofriedis hatte sich über das Mädchen gebeugt und wiederholte ihre Aufforderung ein ums andere Mal, immer lauter, während die anderen im Saal sich nicht trauten, über den Tellerrand zu blicken, vertieft in Wege, die sie mit ihren Löffeln ins Essen kratzten.

Die Hände zu Fäusten geballt, starrte das Mädchen auf den Teller. Es zitterte, seine Lippen bebten, aber es erwiderte nichts. Es schüttelte den Kopf.

Sie hat noch Hoffnung, dachte Alma.

Schwester Theofriedis umklammerte das Mädchen von hinten, hielt ihm die Nase zu, zwang den mit Erbrochenem gefüllten Löffel in dessen Mund.

Du. Isst. Das. Auf.

 

"Entzweit" in Matthias Jügler (Hg.), "Von Staub und Sternen", 2021