Olga Tokarczuk -

Ur und andere Zeiten

 

Kampa Verlag 2019

 

Mit dem Roman „Ur und andere Zeiten“, habe ich mein Vorhaben, die Werke der Olga Tokarczuk kennen zulernen, begonnen und konnte sowohl die von der Jury gelobte „narrative Vorstellungskraft“, als auch ihre „enzyklopädische Leidenschaft“ spüren.

Ein gelungener Einstieg.

 

Ur ist ein fiktiver Ort „mitten im Weltall“ (S.5), der von den vier Erzengeln bewacht und von den seltsamsten Gestalten bewohnt wird. An der verworrensten Stelle des Ortes, an der die Flüsse Die Weiße und Die Schwarze sich vereinen, steht die Mühle, die vom Wasser „unbeeindruckt von Umwälzungen wie Weltkriegen und Regimewechseln“ stetig und unermüdlich angetrieben wird.

Diese ewige Kraft des Wassers, ist Sinnbild für das Unabänderliche:

Liebe, Hass, Glück, Leid, Geburt und Tod.

Hier beginnt die symbolhafte Erzählung im Jahre 1914, die achtzig Jahre und zwei Generationen später endet.

 

In auf das Wesentliche beschränkten Kapiteln gelingt der Autorin eine durchweg authentische Figurendarstellung. Ihr Leben und Leiden, ihre Hoffnungen und ihr Tod sind ihnen auf den Leib geschnitten. Dies glückt nicht nur bei den realistisch wirkenden Figuren, wie der Dorfhure Ähre und dem Freiherrn Popielski, dem sich Gott in einem kabbalistischen Spiel offenbart. Auch bei den seltsam anmutenden, teilweise märchenhaften, Gestalten wie dem Wassermann und dem im Wald lebenden Bösen Mann, gelingt ihr dies.

Uns auch bei der Figur Gottes, die zentrales Thema der Erzählung ist und in den Kapiteln „Die Zeit des Spiels“ äußerst menschlich dargestellt wird.

So sehen wir, wie Gott „geboren“ wird:

„Am Anfang gab es keinen Gott. Es gab weder Zeit noch Raum. Es gab nichts als Licht und Dunkelheit. Und das war vollkommen. […] Halb benommen und seines eigenen Seins noch nicht gewiss, blickte Gott sich um, und da er niemanden außerhalb seiner selbst sah, beschloss er, dass er Gott war.“ (S. 109) Der Leser sieht, wie er, nachdem er Liebe und Hass, Freude und Leid mit dem Werk seiner Schöpfung erfahren hat, dem Tode immer näher kommt. Sein Verfall scheint unaufhaltsam. Nur erlöst wird er nicht:

„Sein Geist wird immer schwächer und ist schon voller Löcher. Sein Wort ist Gestammel. Ähnlich steht es auch um die Welt, die aus Geist und Wort entstanden ist. […] Für Gott existiert der Tod nicht, obwohl Gott manchmal gerne sterben würde… .“(S. 314)

 

Der Roman ist dank zahlreicher philosophischer Gedanken, denen die Autorin einen angemessenen Raum gibt, sehr facettenreich. Das Kapitel „Die Zeit von Misias Kaffeemühle“ zeigt dies beispielhaft und wir erfahren das Lesen als Wechselbad der Gefühle:

„Warme Hände voller Leben haben sie (Anm.: die Kaffeemühle) gehalten und an die Brust gedrückt, in der unter Perkal oder Flanell, ein menschliches Herz schlug. Dann wurde sie von der Wucht des Krieges erfasst und geriet […] in Eisenbahnwaggons, in denen Menschen auf der Flucht vor einem gewaltsamen Tod in panischer Angst vorwärtsdrängten. […] Sie nahm die Wärme erkaltender Menschenkörper und die Verzweiflung beim Verlassen des Vertrauten in sich auf. […]…, denn alle Materie hat diese Fähigkeit, zu bewahren, was flüchtig und vergänglich ist.“

 

Auffallend ist auch, wie Tokarczuk das Tempus nutzt. Nur die Kapitel „Die Zeit des Spiels“, in denen Gott sich und die Welten entwickelt, und die Kapitel „Die Zeit von Ur“, „Die Zeit des Gartens“, „Die Zeit der Pilze“ hat sie ins Präsens gesetzt. Das Erzählte in diesen Kapiteln erlangt durch diese Wahl den Charakter von etwas Wesentlichem, von etwas, das in seinem Wesen veränderbar sein mag, aber dennoch permanent existent ist. Von etwas, das aus der Zeit fällt.

 

Beim Lesen wird schnell klar, dass die Autorin nichts dem Zufall überlässt. Alles folgt einem höheren Sinn. So, wie zum Beispiel die Wahl des Namens Ur für den Ort der Handlung. Mitten im Weltall liegend, kommt ihm eine zentrale Bedeutung zu.

Nimmt man die Bedeutung des Präfixes „Ur-“ (am Anfang liegend, der/die/das Erste) hinzu, lässt er sich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich verorten: „Die Sphäre, die den Mittelpunkt des Labyrinths bildete ­­- der dunkelste und verworrenste Bereich -, hieß die erste Welt. Mit ungeschickter Hand hatte jemand mit einem Kopierstift einen Pfeil neben diese Welt gezeichnet und Ur darüber geschrieben.“ (S. 107)

 

Der Roman „Ur und andere Zeiten“ gibt dem Leser die Gelegenheit zu 327 Entdeckungen. Nichts spielt sich nur an der Oberfläche ab.

Wer bestimmt den Mittelpunkt und wie lange wird das Bestimmte dort, in seiner ursprünglichen Form, bleiben?

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Sabine Gelsing

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