Der Umschlag hochwertig, der Titel prägnant. Ein Lesebändchen vorhanden.

Und dann kommt ER. Der erste Satz! Der auffallend gute erste Satz:

 

"Es ist 11.23 Uhr, und Wenger versucht, sich zu Sturm der Liebe einen runterzuholen."

 

Besser kann er nicht sein, wie ich finde. Ich hatte sofort Fragen im Kopf:

Was ist los mit diesem Wenger? Warum "versucht"? Was läuft bei ihm nicht?

Und ich MUSSTE weiterlesen.

Maximilian Wenger ist Schriftsteller ohne Erfolg. Den hat er längst hinter sich. Vierzehn Romane veröffentlicht. Die Luft ist raus.

Die Erfolglosigkeit lässt Wenger geschieden zurück. Zwei halberwachsene Kinder hat er, die auf dem Weg in die Selbständigkeit ihren Vater brauchen könnten. Aber die schlagen sich ganz prima, wie er findet.

Der Protagonist ist ein Untergegangener. Von dem Licht seiner Erfolge ist nicht viel übrig. Er lebt in einer kleinen Wohnung in der Nähe von Salzburg und es scheint, als hätte er sich seinem Schicksal - hochmütig zwar - ergeben.

Eines Tages tauchen Briefe auf, adressiert an Wengers Vormieter.

Er öffnet sie und wird entführt in intimste Erlebnisse der Verfasserin.

Wenger ziehen die Sätze der Fremden raus, er kratzt sich nach und nach wieder an die Oberfläche seiner Existenz.

Auch seine Tochter Zoey liest die Briefe heimlich. Im Geschriebenen sieht sie einen Teil von sich selbst. Erlebtes, das ihr zugesetzt hat. Sie stellt sich. Beginnt, den für sie vorgesehenen Lebensentwurf zu ändern.

 

Mareike Fallwickl ist die Entwicklung ihrer Figuren wahnsinnig gut gelungen. Zynisch und selbstherrlich, distanzlos und unsicher, liebend und zweifelnd, zurückhaltend und aggressiv kommen sie daher.

Sie wählt unterschiedliche Erzählperspektiven: Die auktoriale für den Wenger, der scheinbar alles (besser) weiß, die Ich-Perspektive für Wengers Tochter Zoey und der Fremden, der sich der Leser über die Briefe (kursiv gedruckt) nähert. 

 

Sie schreibt darüber, wie Liebe gelingen könnte. Über sexualisierte Gewalt, Grenzüberschreitungen. Über die Blogger- und Literaturszene. Darüber, wie zäh es sein kann, Hindernisse auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu überwinden.

Es gelingt ihr, all diese Themen miteinander zu verknüpfen ohne dass sie je klischeehaft oder auserzählt wirken. 

 

 

 

Instagram

Sabine Gelsing

Alle Rechte vorbehalten ®