AIBOPHOBIA - auch gut für den Kreislauf

Ich lese Ihre Korrespondenz mit großem Interesse, auch wenn Sie zu Beginn recht einseitig erscheint. Ich gewinne den Eindruck, dass Sie, Herr H., ein passabler Psychiater sind. Mit der Verordnung der dreifachen Dosis Haloperidol bevorzugen Sie eine im Vergleich zur Lobotomie minimalinvasive Behandlungsmethode. Ihre Zurückhaltung zu lobotomieren, selbst oder an sich selbst, erleichtert mich, weswegen ich Sie für einen umsichtigen Menschen halte. 

Doch in anderen, späteren (auch früheren) Briefen erwecken Sie den Eindruck eines sich in der Realität Verlierenden. Wer wäre ich, wenn ich über Ihren Medikamentenkonsum urteilen würde, Herr H.? Aber erlauben Sie mir die Bemerkung, dass Propofol und Co. Ihrer Forschung an S. und der Entwicklung eines Algorithmus zur Feststellung einer Prognose für jede Geisteskrankheit nicht gerade zuträglich zu sein scheinen. Oder ist Ihr Forschen gar die Ursache für den Medikamentenkonsum? Ihre Einweisung ins Irrenhaus markiert jedenfalls einen Wendepunkt, mein lieber Herr H. und ich frage Sie, meine Herren: Wer ist Patient, wer Arzt und wer von Ihnen war zuerst da? 

Im weiteren Verlauf verschwimmt Ihre Realität immer mehr und mir fällt es bisweilen schwer, Ihnen zu folgen. Glücklicherweise sind Ihre Briefe so real wie Ihre Geisteskrankheit, was mir erlaubt, hin- und herzublättern. Welch Glücksfall. Ihr Hinweis auf die Philosophie erweist sich ebenfalls als nützlich. Wie ich lese, sind auch Sie, verkehrter Herr S./H., Philosoph, was ich vermutete. Besonders schön finde ich, dass Sie mit Friedrich, Ihrem Zimmergenossen, einen Ausflug nach Sils Maria unternehmen, und schade, dass Sie ihn bei Ihrer Flucht aus dem Irrenhaus verlieren. 

Ich folge Ihnen gerne weiter und werde das Lesen Ihrer Briefe ausdrücklich empfehlen, auch und insbesondere denjenigen, die an einer Initiophobie leiden:

AIBOHPHOBIA lässt sich auch hinten beginnen. 

In der Hoffnung, mein Brief möge Sie zwischen zwei Déjà-vues erreichen, verbleibe ich mit besten Grüßen

Leserin S. 

 

Herr Fleisch,

danke für Trotzki, den Lachsaufstrich, die Wiedersprüche, den Lachsaufstrich, den Wiederholungszwang, den Humor. Danke für die vielen Hinweise und Bezüge: auf Nietzsche, auf Matthäus, auf all die, die ich (noch) nicht gefunden habe. Danke für den ewigen Kreislauf, für den Größenwahn von H., von S., für Ursache und Wirkung und umgekehrt ;)