Dschinns - ein Lesegenuss

Hüseyin stirbt am Tag des Einzugs an einem Herzinfarkt. Nun muss es schnell gehen, damit Hüseyin entsprechend den Regeln des Islam bestattet werden kann. So reisen Frau und Kinder nach Istanbul. Im Gepäck haben alle Familienmitglieder Probleme, Sehnsüchte und Geheimnisse. Überhaupt scheint zwischen ihnen nie viel aus- und angesprochen worden zu sein, dabei ist ihre Sehnsucht nach Offenheit und Verständnis auf jeder Seite spürbar. 

Dschinns hat mich überwältigt. Die Autorin rückt viele Themen in den Fokus, ohne dass es jemals zu viel wird. Das gelingt ihr, weil sie jeder Figur ausreichend Raum gibt. Die Themen sind aktuell und unbequem: patriarchale Strukturen, Rassismus, Unterdrückung (ja, das gibts: Mütter, die Töchter unterdrücken), Homo- und Transsexualität, entsprechende Phobien, Trauer, Verlust, Identitätsfragen, Familie, Heimat, Herkunft … 

Jede Figur hat ihre eigene Art zu sprechen, zu denken, hat authentische Schwächen und Stärken, hat etwas mitzuteilen. 

Fatma Aydemir lässt lose Fäden bis zum Schluss und knotet sie erst auf den letzten Seiten zusammen. 

Die Geschichten der Figuren berühren mich, machen traurig und wütend.

Der Roman beginnt mit dem Tod, mit den letzten Atemzügen Hüseyins und es scheint ein höheres Wesen zu Hüseyin zu sprechen:

„Hüseyin … weißt du, wer du bist, Hüseyin, wenn du die glänzenden Konturen deines Gesichts im Glas der Balkontür erkennst?“ (Erster Satz)

Der Roman schließt mit der Geschichte seiner Frau Emine und auch die wird aus der „personalen Du-Perspektive“ erzählt. (Ist es der Dschinn der Familie Yilmaz, der spricht?)

Das Ende ist spektakulär und ich brauchte einige Zeit, um seine Notwendigkeit zu akzeptieren und, um seine Bedeutung für die Familiengeschichte einzuordnen.

„Dschinns“ ist von der ersten bis zur letzten Seite ein 5D-Lesegenuss und ganz sicher ein Jahreshighlight.