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Eine Ich-Erzählerin wohnt in einem Haus mit zehn Zimmern, von dem sie eins nicht nutzt (außer für Staubsauger) und das sie dann einem Gast zur Verfügung stellt. Zunächst scheinen die Vorteile dieser Gastfreundlichkeit, die Resultat einer Aufdrängung ist (die Ich-Erzählerin drängt sich dem Gast auf, weil es als anständig gilt, einen Herumlungernden bei sich aufzunehmen) zu überwiegen. Die Ich-Erzählerin gewinnt so an Ansehen und schon bald stehen viele Menschen Schlange, um ebenfalls Gast zu werden. Sie hat zwar viel Platz, aber vermeintlich nicht genug. Sie entwickelt hohe Maßstäbe an den Gast, weil ihr das Gastgeberinnensein unangenehm wird. Was ihr zu Beginn der „Beziehung“ gefiel: 

„Am Gast gefiel mir, dass ich nie wusste, ob er mich wirklich zu verstehen in der Lage war.“ (S. 26) 

wird ihr unbequem: 

„Der Gast hat das Problem der Sprache nicht mächtig zu sein, …“ (S.63)

Wer jetzt glaubt, die Ich-Erzählerin und der Gast könnten nicht kommunizieren, liegt falsch. Denn sie verstehen einander durchaus (vor Seite 63 und auch wieder danach). Verwirrend? 

Ja.

Der Gast nimmt jedenfalls immer mehr Raum ein, meint die Gastgeberin, und er fügt sich nicht. Eine von der Ich-Erzählerin verfasste „Schrift“, ein Regelwerk, soll ihr das Zusammenleben mit dem Gast erträglich machen. Sie belehrt ihn, misshandelt ihn, will ihn loswerden. 

„Wer einen Gast möglichst loswerden will, dem ist zu empfehlen, ihn auszuhungern.“

Ich mag die Protagonistin nicht. Aber ich mag die Themen, die ich zu erkennen glaube: Umgang mit Fremden, Andersartigkeiten, Gastfreundschaft, Egoismus einer Wohlstandsgesellschaft, Narzissmus und damit einhergehende Kritik. Ich mag die Protagonistin nicht, aber ich finde, dass das ok ist, weil sie diese Gesellschaft, diesen Egoismus, diesen Narzissmus, verkörpert. 

Die Autorin bedient sich einiger Motive Kafkas (Traum, Bett = Sofa, Metamorphose, Insekten) und die Verbindung zu „Die Verwandlung“ ist schnell hergestellt, denn der Gast „verwandelt“ sich in ein (Fell)Tier und wird auch wie ein solches behandelt. 

Am Ende sieht die Ich-Erzählerin - endlich aus dem Elternhaus ausgezogen und selbst Gast - etwas am Boden ihres Zimmers liegen, das aussieht wie ein zerdrückter Käfer (Ich glaube, es ist der laminierte Käfer von Seite 71).

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Zweifellos ein außergewöhnliches Debüt, doch stellenweise kommt es mir zu gewollt surreal-grotesk vor. Ich mag zum Beispiel das Motiv der überforderten Staubsauger, diese Rüssel mit Eigenleben, doch so ganz verstanden habe ich es nicht. Möglicherweise überlesen. Aber ich möchte auch nicht nochmal einsteigen.