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Sie wird es. Das Kind wird auf einer geheimnisvollen Lichtung gezeugt. Amiras Wunsch ist erfüllt. Alles könnte gut sein, doch das Schicksal von Amira, Josef und Luise scheint einem Märchen zu folgen, das Josefs Vater schrieb und so beginnt: „Der Wald hat der Mutter das Kind geschenkt.“ So viel sei noch verraten: Das Geschenk ist an eine Bedingung geknüpft. 

Ein Wald weckt Bilder. Ich sehe Räuber, einen Schauerort, sehe Transformation, denke an Hänsel und Gretel. 

Jessica Lind verknüpft in ihrem Roman dieses Wald-Motiv mit der (Ur)Gewalt der Mutterschaft und ihr gelingt das meisterhaft. „Mama“ ist märchenhaft, doch ein Märchen ist es nicht. Märchen haben ein gutes Ende: In „Hänsel und Gretel“ zum Beispiel durchleben die Kinder eine Wandlung, sie werden stark, reifen und besiegen gemeinsam die Hexe. 

In „Mama“ kommt der Protagonistin auf dem Weg zum Happy End die Mutterschaft dazwischen. Im Muttersein ist sie auf sich gestellt. Die Heldin kann keine Unterstützung erfahren, Mutterschaft ist kein Gemeinschaftsprojekt. Amiras Sehnsucht ist erfüllt, die Wandlung vollzogen, doch es folgen Selbstzweifel, Ängste, Abläufe, die ihr Zeit- und Raumgefühl rauben, Alpträume. Oder sind es keine Träume? Was geschieht wirklich, was ist real?

Jessica Lind ist ein Horrormärchen geglückt. Es lässt einen nicht los. Was real erscheint, kann wahnhaft sein und umgekehrt. Handlungsort ist einzig der Wald und der wird, mit fortschreitender Handlung, immer dichter. Er hält die Figuren am Leben und die Leser:innen gefangen, und das, solange er will.