Gespenster zählen

Warst du je in einer Ausstellung, die verdrängte, vergessene, gegenwärtige, (un)geliebte Gespenster zeigte? Nein? Dann nimm dir Zeit für „Gespenster zählen“ (es sind 69).

Die Texte von Martin Peichl sind zu Brocken geballte, nicht erkaltete, Gefühle eines Erzählers, der die Liebe nicht sucht, aber findet und umgekehrt. Der sich der Endlichkeit stellt und Gefühle teilt. Gefühle, die einsturzgefährdet sind, komische Geräusche machen, neben Abendkleidern hängen, am Licht drehen, berühren, scheitern, zupacken und verwirren. Und Gefühle, die Hoffnung auf einen Neubeginn machen (du kannst das Buch „als Countdown lesen, von hinten nach vorn, kannst laut mitzählen oder leise“). Verluste werden thematisiert, mögliche vor allem, aber auch Überlebensstrategien: am Beispiel der Feigenwespe oder der Strumpfbandnatter. 

Die Bilder von Matthias Ledwinka zeigen weder Mensch noch Tier und sind doch voller Leben, weil man sich Leben denken kann. Oft sind es (menschliche) Hinterlassenschaften, die eine Ahnung hervorrufen: dass da noch vor Sekunden jemand oder etwas im Bild war, oder demnächst erscheinen könnte. Man hat sich verpasst und dennoch ist Präsenz fühlbar.

Ich finde sowohl die Texte als auch die Bilder herausragend. „Gespenster zählen“ ist ein Geschenk für Menschen, die experimentelle Texte mögen. 

Wie bereichernd eine Spielanleitung für einen Prosatext sein kann, zeigt Gespenst 11. Gespenst 54 ist scheinbar Alternative Rock Fan, Gespenst 21 zitiert Friederike Mayröcker. 

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – was im Leben des Erzählers passierte wann? Und ist das wichtig?

Das Buch wirft Fragen auf. Ob ich sie beantworten kann, ob ich sie beantworten will, weiß ich noch nicht. Sicher ist, dass ich beim Lesen einiger meiner Gespenster begegnet bin. 

Ich habe das Buch von vorne nach hinten gelesen und werde dem Vorschlag des Autors folgen: Von hinten weg und laut mitzählen. Bin gespannt, was passiert.