Herbst im Sommer

erbst von Ali Smith, Luchterhand, übersetzt von Silvia Morawetz*

 

England. Im Jahr 2016 ist die Protagonistin Elisabeth Demand Anfang 30 und hat mit Abschieden zu kämpfen. Der Brexit ist beschlossen und ihr Freund Daniel, Anfang 100, steht auf der Schwelle zum Tod. 

Sie besucht ihn im Pflegeheim, wo er in seiner Verwandlung vom Lebenden zum Toten verharrt, wo er in einer Traum- und Erinnerungswelt gefangen ist. 

 

„Daniel Gluck sieht vom Tod zum Leben und dann wieder zum Tod. Die Traurigkeit auf der Welt. Noch auf der Welt, eindeutig.“ (S. 20)

 

Als Zehnjährige bezog Elisabeth mit ihrer Mutter das Nachbarhaus und Daniel Gluck wurde zu ihrem „Babysitter“. Er kümmerte sich um das Mädchen, wenn die Mutter keine Zeit hatte, er brachte ihr Kunst und Literatur nahe. Er teilte seine Weltsicht mit ihr und verdankt all das seiner Schwester. Die Aufforderung, die sie einst an ihn stellte, wird zur Formel für sein Leben und veranschaulicht auch seine Beziehung zu Elisabeth. 

 

„Sitz nicht bloß da rum wie eine Marionette ohne Fäden, sagt sie. Sei anwesend. Tu was. Erzähl mir was. … Erzähl mir, was du gerade liest. … Sie weiß, er liest gar nichts. Sie ist diejenige, die liest, nicht er.“ (S. 189)

 

Im Wechsel zwischen Traumsequenzen, Rückblenden und Gegenwärtigem, zwischen einer poetischen Sprache und britischem Humor, zwischen Brexit und Erinnerungskultur fühle ich mich aufgehoben.

 

Für mich ist der Roman eine Collage:

Ali Smith verwebt aktuelles Zeitgeschehen mit Shakespeare und Ovid, verwebt Kunst mit Politik – die feministische Pop-Art Künstlerin Pauline Boty wird neben der Profumo-Affäre in den Fokus gerückt – und entwickelt eine Erzählung, die Veränderung und Wandlung thematisiert.

Das ist Herbst.

 

Dass das Thema „Brexit“ nicht mehr aktuell ist, schadet nicht. Es geht um Lebensumstände. Ich freue mich auf die nächste Episode aus dem Jahreszeitenzyklus – das Werk ist als Tetralogie angelegt – und bin gespannt, welche Lesarten „Winter“ möglich macht.