Das Debüt 2020 - Meine Jurypunkte gingen an


5 Punkte 

erhielt Lucia Leidenfrost – Wir verlassenen Kinder 

und landet damit auf meinem ersten Platz.

 

Mich hat lange kein Roman so fasziniert und nachhaltig beschäftigt wie dieser. Das Thema ist hochaktuell, dazu parabelhaft verpackt.

Für materiellen Wohlstand werden Kinder sich selbst überlassen. Ein Großteil der Eltern steht mit ihren Kindern in Kontakt, sie schicken Spielsachen, übermitteln Ratschläge, doch kümmern tun sie sich nicht. Irgendwann stellen sie verwundert fest, dass nichts von ihren Kindern zurückkommt.

Die Autorin erzählt in poetischer, symbolhafter und authentischer Sprache, was heute in vielen Familien passiert. In ihrem Roman lässt sie die Kinder mit einer Stimme sprechen, was ihnen einen Chorcharakter verleiht, sie zu einem mächtigen Kollektiv werden lässt. Sie setzt diesen Chor jedoch nicht als moralische Instanz ein, sondern eher als Spiegel der Gesellschaft.

Das Dystopische an der Geschichte wird durch diese Art der Umsetzung noch beklemmender.

 

Ein Roman, der es schafft, dass ich ihn zweimal lese, weil er mich an Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ erinnert, der mich im Klassiker nach Parallelen suchen (und finden) lässt, hat die volle Punktzahl verdient.

 

3 Punkte

bekam David Misch für seinen Debütroman Schatten über den Brettern 

 

Würde es den Bloggerpreis #dasdebuet2020 nicht geben, ich hätte „Schatten über den Brettern“ nicht gelesen.

Dieses Debüt ist in besonderem Maße herausfordernd. Es ist sprachlich anspruchsvoll und spielt mit Perspektiven, Montage, Zeit und Raum.

Ich wüsste nicht, dass mir je so viele Erzählperspektiven in einem Roman begegnet wären. Der auktoriale Ich-Erzähler verwirrte mich besonders, da er nicht nur auf seine eigene Vergangenheit zurückblickt.

Gerade dies macht den Roman für mich so besonders.

Thematisiert wird eine politische Entwicklung, die den Rechtsextremismus, das Böse, erstarken lässt. Dem versucht die Kunst, das Theater, entgegenzutreten. Kulturelle Einrichtungen werden geschlossen, die Meinungsfreiheit beschnitten. Am Ende geht es nur noch darum, Erinnerungen an eine bessere Zeit zu konservieren, um sie für nachfolgende Generationen wiederholbar zu machen. 

Die Verlagerung dieses brisanten Themas auf die Theaterbühne, das Spiel mit Perspektiven, Realität und Fiktion hat mich gefordert, beeindruckt und überzeugt.

 

1 Punkt

geht an Cihan Acar und Hawaii, der damit auf meinem Platz 3 landet.

 

Als Heilbronnfremde war mir „Hawaii“ kein Begriff. Cihan Acar hat mir „Hawaii“ gezeigt.

Ich möchte nicht hin und weiß, dank seiner Erzählkunst, warum.

Dem Autor gelingt eine glaubwürdige Darstellung von Einsamkeit und Zerrissenheit eines jungen Menschen in seinem als Brennpunkt geltenden Umfeld.

Hawaii ist ein Buch über die Suche nach einem Weichensteller für das eigene Leben. Es zeigt einen Protagonisten, der einen Durchhänger hat, dem scheinbar nichts gelingt. Es kommt einem bekannt vor und wird so zur Identifikationsmöglichkeit.

Die Dialoge sind herausragend. Slang, Dialekt und sprachliche Marotten, sowie ein humorig-ironischer Unterton treiben die Gespräche zwischen den Figuren voran.  

 

Das Ende ist übertrieben und überzeugt, weil es nahe an der Wahrheit ist, die ich für möglich halte.

 

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